Vor nicht allzulanger Zeit waren die Fähigkeit zum Multitasking, als auch Perfektionismus begehrte Tugenden, die man gern unter "persönliche Stärken" auf seinen Bewerbungsbogen schrieb. Heute weiß man, dass wir nicht wirklich zum Multitasking fähig sind, sondern gedanklich immer blitzschnell von einer Aufgabe zur anderen switchen. Multitasking ist fehleranfällig, stressig und macht auf Dauer häufig krank.
Perfektionismus galt als "urdeutsche Tugend"; etwas, worauf man stolz sein konnte. Auch das hat sich inzwischen geändert. Perfektionismus wird heute mehr denn je als Zwangsstörung betrachtet. Perfektionisten sind im Berufsleben eher unerwünscht; sie können sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren/schlecht Prioritäten setzen, verlieren sich in unwichtigen Details und neigen dazu, ihre überzogenen Ansprüche auf andere zu übertragen, also von allen anderen dieselbe Perfektion zu verlangen, wie für sich selbst. Diese Nachteile überwiegen für immer mehr Arbeitgeber den Vorteil, "perfekte" Arbeit geliefert zu bekommen.
Im Berufsleben haben Perfektionisten also zunehmend schlechte Karten, sie werden ausgesondert, oder gar nicht erst eingestellt - es sei denn, sie sind schlau genug, ihren Hang zum Perfektionismus vor dem Arbeitgeber zu verschleiern. Privat geschieht das Absondern von Perfektionisten zumeist durch Kontaktabbruch, Trennung oder Rückzug.
Ich glaube, dass es auch hier ein Mittelding gibt, eine fehlende (sprachliche) Feinabgrenzung. Es wird alles in einen Topf geworfen: Das Streben, das bestmögliche Arbeitsergebnis abzuliefern, weitgehend normale Ordnungsliebe, Sorgfalt oder ästhetisches Feingefühl, mehr oder minder liebenswerte Marotten, und das echte zwanghafte Verhalten.
Weiter glaube ich, Perfektionismus wird manchmal mit der bisher weitgehend unbeachteten Schwierigkeit verwechselt, funktionierende Ordnungssysteme zu entwerfen, Dinge zu kategorisieren und zu gruppieren, und weil kein Ordnungssystem vorhanden ist, braucht jedes Ding seinen festen Platz, von dem es nicht verrückt werden darf, weil der Betroffene es sonst nicht wiederfinden kann - und ich denke, dass vielleicht auch hier und da Besitzansprüche beziehungsweise Besitz-Verlustängste eine bedeutende Rolle spielen. Für mich persönlich ist eine sinnvolle Abgrenzung diese: Wenn man bemerkt (oder darauf aufmerksam gemacht wird), dass das eigene Verhalten zwanghaft perfektionistisch wirkt, und man trotzdem nicht aufhören kann, sich so zu verhalten, wird es kritisch. Also wenn ich zum Beispiel von meinem Partner gesagt bekomme: "Hör mal, die Fliesen sind schon so sauber, dass man sich darin spiegeln kann, meinst du nicht, dass es jetzt langsam mal gut ist mit der Putzerei?" und ich daraufhin trotzdem noch weiter putze. Oder wenn mir selbst auffällt, dass ich mich gerade in unwichtigen Details verliere, und eigentlich andere Dinge jetzt wichtiger wären, ich aber trotzdem nicht damit aufhören kann, zu tun, was ich gerade tue.
Auf wen das zutrifft, der hat meiner Meinung nach ein Problem, das er nur mit Hilfe von Profis in den Griff bekommen kann. Ich denke aber, wie auch bei vielen anderen "Diagnosen" im Zusammenhang mit Antriebslosigkeit, dass die Gruppe der echten zwanghaften Perfektionisten, die ihre Störung nur mithilfe von Experten (Therapien) in den Griff bekommen können, verschwindend gering ist. Die meisten von uns "Perfektionisten" sind also gar nicht so weit im Extrem, wie wir das wahrscheinlich denken. Und das wiederum bedeutet, dass Selbsthilfemaßnahmen bei dem, was ich an dieser Stelle als "ausuferndes Perfektionsstreben" vom "zwanghaften Perfektionismus" abgrenzen möchte, wirkungsvoll sein können. Wie immer gilt: Es kann in der vorgeschlagenen Form nicht schaden, denn es ist immer auf Deeskalation bedacht, psychologisch nicht tiefgründig, und basiert auf kleinschrittigem Ausprobieren. Und natürlich gilt wie immer: Wenn du damit nicht weiterkommst, ist der Gang zum Profi angeraten.
Doch zuvor noch ein paar Worte zu den "verwandten Schwierigkeiten". Für die Sache mit den Ordnungssystemen haben wir einen anderen Text. //selbstbestimmtleben.forumprofi.de/topic.php?topic=103 Zu den Besitz- oder Verlustängsten werde ich keinen eigenen Text entwerfen; es geht eher darum, sich selbst zu beobachten, und darüber mal nachzudenken. Hierin könnte sich unverarbeitete Trauer oder ein anderes Trauma verbergen. Wenn ich an diese Art von Perfektionismus denke, dann kommen mir Bilder in den Sinn, bei denen Leute ausflippen, wenn sie bemerken, dass jemand ihre Sachen verschoben oder an den falschen Ort zurückgestellt hat. Sie bemerken sofort, dass sich eine Vase oder ein Buch nicht mehr in exakt der gleichen Position befindet, in der man sie platziert hatte. Der Verantwortliche wird dann gerne zur Rede gestellt, und mehr oder weniger freundlich darauf hingewiesen, die Sachen nicht anzufassen, oder darauf zu achten, dass diese anschließend absolut unverändert hinterlassen werden sollen. Das wären dann gegebenenfalls andere Baustellen, die natürlich auch wieder über die Grenzen des Forums hinausgingen. Aber man hätte dann eine klarere Eingrenzung und ein besseres Verständnis davon, in welcher Richtung man am ehesten passende Hilfe finden kann.
Perfektionismus wird hier im Forum vor allem deshalb angesprochen, weil es einen klaren Zusammenhang mit Antriebslosigkeit gibt. In einem Satz knallhart gesagt: Perfektionismus verursacht Antriebslosigkeit.
Und zwar folgendermaßen: Der zwanghafte Perfektionist kann sich erst dann für die Aufgabe belohnen, wenn das perfekte Ergebnis erreicht wurde. Vorher können viele die Aufgabe nicht unterbrechen (Pause machen), und sie erst recht nicht als abgeschlossen betrachten. Ohne abgeschlossenes/perfektes Ergebnis (Erfolg) wird für das Erledigen der Aufgabe kein Dopamin ausgeschüttet. Das bedeutet, die Bemühungen (Herumgefummel) an der Aufgabe werden immer weiter fortgesetzt bzw. sogar verstärkt. Dadurch kommt es häufig zur Selbstausbeutung, und die wiederum mündet in Schmerzen. Schmerzen führen zur Vermeidung. Auf Dauer lernt der Perfektionist: "Es lohnt sich gar nicht erst anzufangen, da der Erfolg, den ich mir wünsche, sowieso nicht erreicht werden kann", und sein Antrieb mindert sich, weil es nie die Belohnung/den Lohn der Mühen/ein Erfolgserlebnis gibt. Das Ergebnis ist nie gut genug, um eine Belohnung zu verdienen. Erst "perfekt" wäre "gut genug", und Perfektion ist ein unerreichbares Ideal.
Auch das Streben nach Perfektion ist - wie so vieles - an sich nichts Schlimmes. In ihm steckt der Wunsch nach Veränderung und Verbesserung, ohne den ein (global gedachter) Fortschritt nicht zustande käme.
Um zu verdeutlichen, was ich damit meine, wenn ich sage "Das Streben nach Perfektion ist nicht grundsätzlich böse oder etwas Schlechtes", nehme ich einen anderen Zwang als Beispiel, nämlich Waschzwang. Das Bedürfnis sich zu waschen ist an sich genauso wenig böse, falsch oder ungesund. Allein die Dosis macht das Gift. Also wäre wohl der folgerichtige Gedankenansatz (in milden Fällen), die "Perfektionismus-Dosis" auf ein bekömmliches Maß zu reduzieren. Dafür habe ich folgende Ideen und Vorschläge anzubieten:
Dem Perfektionismus anders begegnen Die für mich persönlich wichtigste Veränderung, wie ich mit meiner perfektionistischen Ader umgehe, ist Humor. Ich kenne meine Marotten, ich sehe meine Marotten, und ich kann mich heute dafür durch den Kakao ziehen und darüber amüsieren. Früher habe ich hingegen ständig versucht, andere mit meinem Perfektionismus anzustecken. Ich habe die Maßstäbe, die ich an mich selbst lege, auch an andere gelegt, und an ihnen herumgenörgelt, wenn sie etwas nicht so gemacht haben wie ich. Aufgefallen ist mir das ulkigerweise durch das TV-Format "Frauentausch". Ich bin mir völlig im Klaren, dass das meiste davon gestellt ist, und die Geschichten übertrieben dargestellt werden, aber gerade das Übertriebene habe ich gebraucht, um mich selbst wiederzuerkennen - und einen Blick in die Gedanken- und Gefühlswelt meines Gegenübers zu werfen, wenn ich es mit meinem Perfektionismus konfrontiere. Nachdem die Einsicht einmal gelungen war, sah ich das Problem auch in weitaus weniger ausgeprägten Situationen. Mir wurde klar, dass Perfektionismus meine Achillesferse ist, meine Marotte, und dass andere eine Situation völlig anders sehen als ich. Klingt erst mal total banal, aber für mich war das eine wirklich neue Erkenntnis. Es gibt zum Beispiele eine Menge Leute, die prinzipiell annehmen, ihr Gegenüber sei dümmer als sie selbst. Kennt ihr bestimmt. Man wird von oben herab behandelt, und denkt sich die ganze Zeit: "Mann, siehst du nicht, dass ich das längst kapiert habe?" Oder jemand versucht, dich auf total plumpe Art auszutricksen oder wirklich lahm zu belügen. Schuld daran ist der "Dunning-Krüger-Effekt", eine gefühlte illusorische Überlegenheit des Individuums. Die meisten Leute glauben, sie seien intelligenter als der Durchschnitt. Ich hingegen ging davon aus, dass jeder, mit dem ich in Kontakt trete, in jeder Hinsicht auf dem exakt gleichen Niveau steht wie ich. Es war für mich nicht nachvollziehbar, dass jemand etwas nicht ebenso schnell erfassen konnte wie ich, oder aber auch (und da kriegen wir die Kurve zum Perfektionismus), dass es andere Leute absolut nicht stört, wenn zum Beispiel ein Bild schief hängt, oder wenn eine Deodose nicht mit der Schrift nach vorn steht. Eine ebenso verwirrende Erkenntnis war für mich, dass es auch Leute gibt, für die meine Vorstellung von Perfektion das Gegenteil von Perfektion bedeutet.
Ein ganz einfaches, und sogar ziemlich witziges Beispiel: Für mich gehört der Toilettenpapierabriss nach vorn. Steckt die Rolle andersherum auf dem Halter, sieht das für mich falsch aus. Früher musste ich das überall korrigieren, wo ich hinging. Heute mache ich das nur noch bei mir zuhause. Für andere Leute gehört der Abriss ebenso unverhandelbar nach hinten, die korrigieren dann die für sie falsch herum aufgehängte Rolle, indem sie sie umdrehen. Und dann gibt es natürlich noch Leute, denen das vollkommen egal ist. http://i0.kym-cdn.com/photos/images/orig...939/251/a0c.png
Gerät ein Perfektionist an einen anderen Perfektionisten mit unterschiedlichen Vorstellungen davon, was "perfekt" ist, ist der Krach vorprogrammiert. Aber das ist zum Glück eher selten der Fall, denn die meisten Perfektionisten sind sich interessanterweise über ihre Vorstellung von Perfektion in sehr vielen Punkten einig. Also zum Beispiel gibt es kaum einen Perfektionisten, der darauf besteht, dass die Schrift auf der Deodose nicht zu lesen sein darf, oder dass Fliesen- oder Tapetenmuster unbedingt immer so gesetzt sein sollten, dass das Muster unterbrochen wird. Es gibt da ein berühmtes Foto von einem Parkplatz, auf dem sich der Fotograf "perfektionistisch" austobte. In der ersten Aufnahme parken alle Autos bunt durcheinander, im zweiten Bild sind sie "wohltuend" sortiert, nach Farben. https://www.pinterest.com/pin/16818198579529741/ Als ich das Bild damals auf reddit sah, schoss mir durch den Kopf: "Dieses und jenes Auto hätte ich aber anders platziert - wenn schon, denn schon", und ich bekam einen Lachkrampf, als ich den ersten Kommentar darunter las: Jemand hatte genau das geschrieben, und hunderte von Leuten hatten ihm zugestimmt. Diese Form von Perfektionismus ist wohl kaum ein Zwang, sondern eher ein vages Unwohlsein beim Anblick von imperfekten, unregelmäßigen, aus der Reihe tanzenden Dingen. Das Internet kennt inzwischen hunderte oder tausende von Fotos, auf denen solche Situationen zu sehen sind, und je mehr ich davon angeschaut und mich darüber amüsiert habe, desto weniger kratzt es mich noch, wenn ich das irgendwo sehe.
Zu beachten ist übrigens, dass das Internet diesen Symmetrie- oder "Perfektionstick" immer wieder als "OCD" bezeichnet, im englischen gern "this is so OCD" oder "I am so OCD". Das ist falsch. OCD steht für "obsessive compulsive disorder(s)", was sich mit "Zwangsstörung" übersetzen lässt. EINE davon ist zwanghafter Ordnungswahn/Perfektionismus, und das ist ein echtes Leiden, über das man genauso wenig lachen sollte, wie über Waschzwang. Bekannt geworden ist diese Störung durch die Serienfigur MONK. Monk amüsiert die Zuschauer durch sein Sammelsurium von Ticks und Marotten, die ihn einerseits bei seinen Ermittlungen immer wieder behindern (und sein Umfeld zur Weißglut treiben), doch seine Detailversessenheit hilft auch bei der Aufklärung der Fälle. Die fiktive Figur stellt nicht die Realität von OCD dar. Wer sich in Monks Bedürfnis wiedererkennt, die falsch im Messerfach der Besteckschublade gelandete Gabel an ihren richtigen Platz zu legen, und darüber schmunzeln kann, der ist nicht wirklich behandlungsbedürftig, nicht zwanghaft perfektionistisch. Der ist bestenfalls ein feinsinniger Ästhet und schlimmstenfalls pedantisch.
Wenn ein Perfektionist auf einen Menschen trifft, dem solche Details vollkommen rille sind, nimmt der Perfektionist häufig völlig zu Unrecht an, die Achtlosigkeit des anderen sei ein Beweis für mangelnde Wertschätzung, oder sogar ein direkter passiv-aggressiver Angriff.
"Wie kann es sein, dass dich das nicht stört, wie kann es sein, dass du das nicht gesehen hast?!", und weil man das für unmöglich hält, schlussfolgert man: Der andere hat es sehr wohl gesehen, und er hat sich mit Absicht entschieden, es so zu lassen. Man betrachtet es also als Provokation, als persönlichen Angriff, und die Erklärung "Ich hab es nicht gesehen" oder "Ich weiß gar nicht, was du hast, so schlimm ist das doch nicht" als lahme Ausrede. Ein perfektionistisches Gehirn kann sich also nicht vorstellen, dass jemand anderer diese "krass imperfekten" Dinge NICHT wahrnehmen kann, weil sie dem Perfektionisten selbst so extrem ins Auge fallen. Als würde jemand den riesigen weißen Vogelschiss auf einem frisch polierten schwarzen Auto nicht sehen können. Und wenn der andere dann "leugnet", es gesehen zu haben, dann muss der lügen/provozieren/sich dumm stellen. Mit diesem Gedanken kann man sich sein (Beziehungs-)Leben zur Hölle machen - oder man kann lernen, darüber zu lachen. Man kann lernen, über sich selbst zu lachen, weil man sich davon auf die Palme treiben lässt, ob ein so unglaublich bedeutungsloser Gegenstand wie eine Deodose mit dem Schriftzug nach vorn oder nach hinten im Regal steht. Und je öfter man das tut, desto weniger Bedeutung hat dieses Ding dann tatsächlich noch. Was übrigens nicht heißt, dass ich seither aufgehört hätte, die Deodose meines Mannes wieder "richtig" hinzustellen. Ich ärgere mich bloß nicht mehr darüber, sondern ich schmunzle darüber. Über mich selbst, und über meinen Mann. Ich bewerte diese Situation jetzt völlig anders. Ich sehe sie nicht mehr als persönlichen Angriff. Ich habe verstanden, dass etwas, das mich schier verrückt machen kann, jemand anderem überhaupt nicht auffällt.
Die beste Möglichkeit, dem eigenen Perfektionismus anders zu begegnen als bisher ist also, darüber zu lachen. Sich selbst nicht mehr so ernst zu nehmen. Ein erster Schritt kann sein, nicht erst in der akuten Situation zu streiten, sondern in lockerer Atmosphäre humorvoll darüber zu reden. Hier im Forum, oder mit dem Partner, oder mit dem Freundeskreis. Wenn man erfährt, dass wir viele Macken gemeinsam haben, und dass andere ganz andere Macken haben (etwa Einschlafgewohnheiten, oder dass man den Lautstärkeregler an der Stereoanlage immer auf gerade Zahlen stellt), erdet einen das, es schafft eine großzügige Relation, in der sich das eigene Problem nicht mehr als Problem darstellt, sondern auf das reduziert wird, was es tatsächlich ist: Eine Macke, die von anderen als mehr oder weniger liebenswert nervige Eigenschaft wahrgenommen wird - oder noch nicht einmal das.
Lernen, unperfekte Zustände auszuhalten Wenn wir hier im Forum mit Pausen arbeiten, und auch gezielt in Kauf nehmen, Aufgaben nicht beenden zu können - um Fehlversuchs-Messwerte zu bekommen, die uns dabei helfen sollen, den Zeitpunkt zu finden, rechtzeitig mit etwas zu beginnen - dann bekommen wir dabei gute Gelegenheiten, um zu üben unperfekte Zustände auszuhalten. "Mache ich jetzt weiter, oder lasse ich es gut sein - wie vereinbart?" Wenn man sich bei Perfektionismusgedanken ertappt, kann es helfen, ein Mantra zu benutzen (dazu haben wir auch einen Artikel). Das Mantra kann zum Beispiel lauten: "Perfektionismus ist ein Zwang, und keine Tugend!" oder "Perfektion ist ein Zustand, der ohnehin nicht erreicht werden kann!" oder "Perfektionismus macht mich kaputt!" Ich habe dabei die interessante Erfahrung gemacht, dass sich meine Gefühle beim Anblick des bewusst erhaltenen imperfekten Zustandes wandelten. Statt mich zu ärgern oder mich gestört zu fühlen, war der Anblick plötzlich befriedigend. Er erinnerte mich daran, meinen Perfektionismus besiegt zu haben. Ich bin sicher noch nicht so weit, dass ich ein schief angebrachtes Bücherbord aushalten kann, aber ich habe mir zum Beispiel eine "Shabby-Bilderwand" gebastelt. Lauter völlig unterschiedliche Bilderrahmen, aber alle einheitlich angestrichen, und mit ähnlichen Postkartenmotiven gefüllt. Kein einziges dieser Bilder hängt gerade. Früher hätte mich der Anblick verrückt gemacht. Aber weil ich mir jedesmal, wenn ich daran vorbeikam, sagte: "Nein, das gehört so!", und den Impuls unterdrückte, die Bilder geradezurücken, habe ich zuerst angefangen, darüber zu schmunzeln und mich sogar zu freuen, und schließlich habe ich mich an den Anblick weitgehend gewöhnt. Meine Wahrnehmung imperfekter Zustände ist seither deutlich abgestumpft. Ich brauche nicht mehr annähernd so lange, bis ich ein perfektes Arrangement gefunden habe. Außerdem habe ich mir angewöhnt, Gegenstände, die scheinbar perfekt (besser kann man es nicht machen) aufgestellt sind, umzustellen - und habe bemerkt, dass andere Arrangements nicht minder reizvoll und/oder praktisch sind.
Perfektion punktuell oder schichtweise anstreben Punktuellen Perfektionismus finde ich persönlich sehr schwierig. Ich kann ihn nachvollziehen, aber ich kann ihn kaum aushalten. Es fällt mir dabei schwer wie bei sonst kaum etwas anderem, ruhig daneben zu stehen, zu nicken, zu lächeln und zu sagen: "Du machst dat schon" - weil ich nicht nur skeptisch bin, dass das was werden kann, sondern weil ich absolut vom Gegenteil überzeugt bin. Ich sehe das zum Beispiel in Tagebuch-Videos, die Betroffene von sich selbst drehen, oder höre es aus Erzählungen von Betroffenen heraus. Dabei handelt es sich um einen kleinen Fleck inmitten des Chaos, der perfekt hergerichtet und dann hingebungsvoll erhalten wird. Die Idee dahinter ist Folgende: Die Perfektion soll Schritt für Schritt ausgedehnt werden. Aus kleinen Inselchen sollen immer größere Inseln werden, die sich mehr und mehr ausdehnen, bis sie schließlich zusammenfließen, also immer mehr Platz im Raum einnehmen, bis schließlich die Perfektion vom gesamten Raum Besitz ergriffen hat.
Da wir nun wissen, dass es immer einen "Lohn der Mühen" benötigt, um Motivation zu erzeugen, wenn es gerade keine zwingende Notwendigkeit gibt, zu handeln, dann bedeutet das beim punktuellen Perfektionismus, dass die Belohnung in einem perfekten Punkt besteht. Es wird darauf gebaut, dass diese Belohnung weitere Motivation erzeugt. Doch was, wenn das nicht ausreicht? Was, wenn es zu lange dauert, bis die punktuelle Perfektion erreicht werden konnte - oder wenn es eben nicht perfekt werden kann, weil der Zwang einen immer weiter dazu treibt, daran herumzufummeln? Im Forum arbeiten wir gezielt mit Selbstbelohnung. Jeder Mensch kann selbst festlegen, wofür er eine Belohnung verdient, und wir wollen genau nicht mehr erst dann eine Belohnung gewähren, wenn etwas perfekt ist (und sei es nur ein Punkt), sondern wir wollen doch weg von einer gedanklichen Vorstellung, die überhaupt erst in die Antriebslosigkeit geführt hat (Perfektionismus -> Selbstausbeutung -> Erkenntnis, dass Perfektion nicht erreicht werden kann -> Es lohnt sich nicht anzufangen) Passendes "Gegenmantra": "Ich kann es nicht perfekt machen, aber ich kann es verbessern."
Man kann diese Methode meinetwegen natürlich gerne trotzdem ausprobieren, wer bin ich schon, andere daran zu hindern? Ich denke aber, dass dieses System nur bei milden Fällen von Antriebslosigkeit, also einer Antriebsschwäche empfohlen werden sollte. Wer nur ein bisschen Unordnung hat, und nicht weiß, wo er anfangen soll, der ist damit ganz gut beraten. In richtig krassen Fällen, in denen wirklich starke Verschmutzung, sehr viel Müll und eine durchaus als "elendig" zu beschreibende Verwahrlosung vorliegen, halte ich die Methode für sehr bedenklich. Meine bisherige Erfahrung mit punktuellem Perfektionismus ist leider die, dass sich die ausgeprägten Perfektionisten in den Erhaltungsarbeiten verbeißen. Denn Antriebslose haben nicht alleine gegen ihre Perfektionismusgedanken zu kämpfen, sondern sie haben oftmals tatsächlich nicht die Kraft und Zeit, um sowohl intensive Erhaltungsarbeiten auszuführen, als auch, die Perfektion (und die damit einhergehende Steigerung des Aufwandes, den perfekten Zustand auf immer größer werdenden Flächen aufrecht zu erhalten) so weit auszudehnen, dass tatsächlich ein Gesamt-Normalzustand erreicht werden kann (streng genommen ja ein Perfektionszustand). Ich lehne jede Methode ab, die darauf abzielt, als ersten Schritt zu putzen, und/oder als ersten Schritt irgendwas bis zur Perfektion zu vollenden. Das widerspricht meinen hier dargestellten Grundüberlegungen: Anders begegnen, aushalten, in Schichten nähern. Versuche, punktuellen Perfektionismus zu erreichen, stellen sich visuell wie folgt dar: Da versinkt zum Beispiel ein Badezimmer im Grauen, alles ist vermüllt, versifft, verklebt und verdreckt, und mittendrin ist ein 20x20cm großer, blitzsauberer Fleck. Der Betroffene deutet mit sichtlichem Stolz darauf, und erzählt, wie er mit sehr viel Mühe und Herzblut dafür gesorgt hat, dass dieser Fleck so geworden ist, wie er jetzt ist. (Ein wirklich deprimierendes Extrembeispiel exakt bei 4:55. Ihr solltet es euch angucken, um euch die Absurdität der Vorgehensweise einmal bei jemand anderem vor Augen zu halten.) https://www.youtube.com/watch?v=Yh8lZDtry5I Dazu nur eins: Wenn es bei euch daheim so aussieht wie in diesem Video, und ihr nicht anders vorgehen könnt, als das Chaos punktweise zu beseitigen, weil ihr euch irgendwie dazu gezwungen fühlt, oder einfach nicht wisst, wie ihr es besser machen könnt, dann tut euch (und mir durchaus auch) bitte einen riesengroßen Gefallen: Sucht euch bitte Hilfe. Mit Hilfe kann so etwas in ein paar Tagen oder Wochen in einen zumindest akzeptablen Zustand versetzt werden. Mit der Punkt-Methode (oder auch Insel-Methode genannt), ist das eine Lebensaufgabe, eine Sisyphos-Arbeit. Quält euch nicht damit. Sagt lieber, dass ihr die Wohnung geerbt habt, also nicht dafür verantwortlich seid, und wenn das ganze vorbei ist, nehmt ein Programm in Anspruch, bei dem euch Haushaltsführung in groben Zügen beigebracht wird (erkundigt euch z.B. beim Jugendamt, beim Landratsamt oder beim Müttergenesungswerk, ob die wissen, an wen ihr euch dafür wenden könnt, falls ihr über die Googlesuche in eurer Stadt nicht fündig werdet. Wenn alle Stricke reißen, schickt mir eine PN, dann klemme ich mich für euch dahinter)
Ich kann den Gedanken nachvollziehen, warum man einen Punkt "bis zur Perfektion" reinigt, ganz ehrlich - aber auf keinen Fall gutheißen. Wenn man einen halben Tag braucht, um einen 20x20 cm großen Fleck zu säubern, entwickelt sich das definitiv zur Lebensaufgabe, wenn man so weitermacht. Wenn man dann noch mal pro geschaffenem Fleck 20 Minuten am Tag braucht, um ihn zu erhalten, kann man sich gut ausrechnen, dass man locker den Rest seines Lebens damit zubringen kann, acht Flecken in seinem Bad perfekt zu erhalten, ohne dass sich irgendetwas daran ändert, dass dieses Bad insgesamt eine absolute Katastrophe darstellt, und da sind wir erst beim Bad, und noch gar nicht in den anderen Räumen. Punktueller Perfektionismus kann vielleicht für manche funktionieren, ist aber eine mathematisch-logisch betrachtet ein Lebenswerk, und aus der Sicht eines "Effizienz-Denkers" wie mir extremste Energieverschwendung. Also absolut fatal für einen Menschen, der nur sehr wenig Energie hat, und sich genau überlegen muss, was er mit dieser Energie in Bewegung setzen will. Meiner Meinung nach braucht ein solcher Mensch einen schnellen Erfolg, der nicht nur irgendwie zu sehen ist, sondern der vor allem seine Lebensqualität spürbar steigert. Das Ergebnis muss sich für ihn "maximal lohnen", um ihn anzuspornen, in diese Richtung weiterzumachen. Ein kleiner sauberer Fleck in einem vollkommen verwahrlosten Bad steigert die Lebensqualität nicht. Es ist die Illusion eines Ergebnisses/Erfolges, für die so viel Aufwand betrieben werden muss, dass man in derselben Zeit und mit derselben Anstrengung reale Ergebnisse/Erfolge hätte erzielen können - und das ist für mich die Tragödie daran. Punktueller Perfektionismus kann demnach für Schwerbetroffene sogar verhindern, dass sie sich weiter aus ihrer betrüblichen Situation befreien können. (Siehe auch: Shine your sink - Kurzanalyse)
Mein Gegenangebot ist daher der schichtweise Perfektionismus. Hierbei ist das allerwichtigste, sich zuerst bewusst zu machen, dass man sich von seinem Perfektionismusgedanken nicht verabschieden muss, sondern kontinuierlich weiter daran arbeitet, aber eben nicht punktuell, sondern schichtweise in der gesamten Wohnung.
Das ist gleichzeitig auch die "normale" Vorgehensweise. Die, die jeder Entrümpelungs- oder Putzprofi anwenden würde, wenn er vor die Aufgabe gestellt würde, eine verwahrloste Wohnung auf Vordermann zu bringen. Sie ist effizient und energiesparend, und somit vor allem schnell erfolgreich. (Wobei mit "schnell" keine paar Stunden oder ein Wochenende gemeint ist, sondern ein paar Wochen oder höchstens ein paar Monate im Vergleich zu Jahren oder Jahrzehnten)
Ein hilfreiches Gedankenmodell, um sich damit anzufreunden, auf punktuellen Perfektionismus zu verzichten, ist der Schieberegler.
In der Mitte des Schiebreglers liegt die 0, der Normalzustand, rechts davon geht es bis zu plus 100 (Prozent), der Perfektion, und links davon geht es bis zu MINUS 100 (totales Chaos/Verwahrlosung). Je extremer die eigene Lebenssituation, desto weiter steht der Schieberegler links von der Mitte. Bevor man Perfektion erreichen kann, liegt da noch ein Etappenziel, nämlich Normalität. Jeder Schritt, den der Schiebregler weiter nach rechts wandert, ist zwar zunächst ein Schritt weiter auf die Normalität zu, aber gleichzeitig auch nach wie vor ein Schritt in Richtung Perfektion. Auf dem Weg aus dem Extrem heraus, auf die Perfektion zu, liegt die Normalität in der Mitte.
Ist sie erreicht, kann man weiter planen - wieviel Perfektion will ich, wieviel ist gesund für mich, auf welchem Niveau der Skala beginne ich bereits, mich wohler zu fühlen? Gerade bei der letzten Frage erkennt man die Defizite des punktuellen Perfektionismus. Wenn ich einen halben Tag dafür verwende, eine völlig versiffte Toilette zum Leuchten zu bringen, habe ich 1% meiner Wohnung in einen perfekten Zustand versetzt, während 99% in unerträglichem Chaos versunken bleiben. Wenn ich den halben Tag dafür aufgewendet hätte, mein Bad einigermaßen in Ordnung zu bringen, hätte ich stattdessen 10% meiner Wohnung "normal" gemacht. Mit dem punktuellen Perfektionismus brauche ich auf den ersten Blick weitere 100 Tage, um den Rest der Wohnung ebenfalls perfekt zu bekommen. Das Blöde ist, dass ich in der Wohnung wohne. Jeden zweiten Tag muss ich die Toilette putzen, damit sie so sauber bleibt, und mit jedem Ding, das ich von "unerträglich" auf "perfekt" verwandle, fallen mehr Erhaltungsarbeiten an. So komme ich also im Endeffekt auf an die 1000 Tage, in denen ich zwischen der Wiederherstellung meiner schon erreichten Perfektion und der Erschaffung neuer Perfektion hin- und herspringe. Um das zu erreichen, bevor ich alt und grau bin, muss ich unglaublich viel Energie ausgeben. Wenn ich mich vorläufig mit Normalität zufrieden gebe, kann ich (um bei diesem Rechenbeispiel zu bleiben), in etwa 10 Tagen einen Gesamtzustand erreichen, der es mir zum Beispiel erlaubt, Fremde eintreten zu lassen. In der Zeit musste ich nicht 50x meine Toilette putzen, sondern nur ein weiteres Mal. Ich sollte schon nach dieser kurzen Zeit in der Lage sein, Normalität aufrecht zu erhalten - also nicht bis zur Perfektion zu arbeiten, sondern nur bis dahin, dass ich sagen kann: "Okay, ich kann jemanden reinlassen". Damit kann ich mich zufrieden geben, aber ich muss es nicht. Ich kann ab dem Erreichen der Normalität immer, wenn ich Kraft, Zeit, Lust und Geld dafür übrig habe, Verbesserungen vornehmen/an der Perfektion arbeiten. Ohne Druck, und ohne das frustrierende Gefühl im Nacken, dass sich dadurch an der Gesamtsituation eigentlich nichts ändern würde, und ohne Angst und Verzweiflung, weil ich die Perfektion an anderer Stelle erst aufgeben muss, um sie an dieser Stelle erreichen zu können.
Schichtweiser Perfektionismus heißt also: Ich beginne mit einem kleinen Bereich. "Klein" ist das, was ich mir an dem Tag zutraue. Für den einen ist es ein Raum, für den anderen eine Ecke des Raumes. Den befreie ich von Müll. Wenn die Ecke fertig ist, mache ich in der nächsten Ecke damit weiter, Müll zu entfernen. Erst wenn der ganze Raum auf diese Weise entmüllt ist, gehe ich in den nächsten Raum, und fange auch dort an zu entmüllen. Ich fange nicht in dieser Ecke an, und springe dann zu einer anderen Ecke in einem anderen Raum. Und ich gehe auch nicht zu den schon bearbeiteten Ecken zurück, um einen anderen Arbeitsschritt auszuführen, solange andere Bereiche des Hauses noch vermüllt sind.
Auf diese Weise mache ich Ecke für Ecke weiter mit der immer gleichen Aufgabe: Müll. Also einen kompletten Rundgang durchs Haus, um allen Müll einzusammeln - aber (und das ist wichtig!) ich formuliere meinen Auftrag nicht so, dass ich jetzt "das Haus entmülle", sondern ich formuliere jeden kleinen Teilbereich als eigenständige Aufgabe. "Diese Ecke" ist eine Aufgabe. "Hinter der Tür", oder "die Fensterbank" oder "die Oberfläche eines Möbelstücks"...aller Müll von dort fliegt in einen blauen Sack, fertig - Pause, Belohnung usw. Erst nach der Pause/Belohnung formuliere ich die nächste Müll-Aufgabe, lege den kleinen Teilbereich fest, den ich als nächstes zu entmüllen gedenke. Sagen wir im Viertelstundentakt (oder weniger, wenn man sich am Anfang noch keine 15 Minuten zutraut).
Auf keinen Fall also ist die "Müllaufgabe" erst dann abgeschlossen, wenn das gesamte Haus müllfrei ist. Die Teilaufgabe ist abgeschlossen, wenn die jeweilige Ecke oder ein Möbelstück müllfrei ist, oder wenn die vereinbarte Viertelstunde um ist.
Das Gegenteil davon klingt für "Normalos" seltsam, und doch machen viele Betroffene eben genau das: Wenn sie ein Möbelstück entmüllt haben, wird dieses gründlich geputzt, sogar poliert, während sich ringsherum der Müll weiter bis unter die Decke türmt.
An dieser Stelle scheiden sich die Geister. Manche meinen, dass der Anblick dieses vollständig unter Kontrolle gebrachten Möbelstücks ein Ansporn sei, den Rest auch schaffen zu wollen. Ganz ehrlich, wenn euch das so hilft, dann macht es so. Für mich persönlich wäre das absolut nichts. Bevor ich viele Stunden investiere, ein Möbelstück zu putzen und zu polieren, investiere ich lieber exakt dieselbe Energie, um im Rest der Wohnung die "Müllschicht" komplett abzutragen, denn ich denke, dass einen das unterm Strich betrachtet wesentlich näher an die Normalität bringt, als inmitten einer Müllkippe ein wunderschön hergerichtetes Schränkchen stehen zu haben. Ich glaube, dass viele Betroffene sich nichts mehr wünschen, als Normalität, und es ist nunmal ganz und gar nicht normal, auf diese Weise vorzugehen. Das soll nicht wertend klingen, sondern das ist einfach nur eine Feststellung. Normalos würden das nicht so machen, also wenn du normal sein möchtest, warum benutzt du dann eine Methode, die eine Aufgabe bis zur Perfektion abschließt - anstatt daran zu arbeiten, deinen Drang nach Perfektion zu senken, deinen überzogenen, und in deiner Gesamtsituation definitiv nicht durchführbaren Anspruch?
Ich glaube, darauf eine Antwort zu haben, nämlich, dass für stärker zwanghafte Perfektionisten, als ich es bin, immer erst nach der Perfektion eine Belohnung folgt. Die Aufgabe muss für euch abgeschlossen sein, das Ergebnis muss perfekt sein, bevor ihr aufatmen und sagen könnt: "Jetzt ist es gut, jetzt bin ich zufrieden." Falsch. Ihr seid dann zufrieden, wenn euer Gehirn gelernt hat, sich zufrieden zu fühlen. Wenn bei eurem Gehirn der Hormonkick erst einsetzt, wenn der Punkt-Perfektionismus erzielt wurde, dann muss eben bis dahin gearbeitet werden. Es sei denn, ihr lernt, euch schon vorher zu belohnen. Dann lernt das Gehirn, schon vor dem Erreichen der Perfektion die Hormone auszuschütten. Dann lernt ihr, mit weniger als perfekt zufrieden zu sein. Das kann man nicht sofort. Das Gehirn muss es erst lernen. Und das kann es nur, wenn ihr euch eure Belohnung trotzdem schon eher gebt. Auch wenn ihr der Meinung seid, noch nicht fertig zu sein, sie noch nicht verdient zu haben. Gebt sie euch trotzdem. Wann, werdet ihr fragen. Nun - ganz einfach - nach dem ersten Zwischenschritt. Da ist kein Müll mehr? Belohnung! Da ist kein Gerümpel mehr? Belohnung! Das Ding ist geputzt? Belohnung! Das Ding ist poliert? Belohnung! Nur, dass ihr diese einzelnen Zwischenschritte oder Phasen nicht bei einem einzigen Objekt von Anfang bis Ende durchexerziert, sondern erst bei allen Objekten/Ecken den Müll wegschafft (und euch nach jedem Eckchen belohnt), dann entrümpelt (und euch nach jedem Eckchen belohnt), dann ringsherum putzt (und belohnt), und dann könnt ihr euch eins nach dem anderen vorknöpfen und zur Perfektion führen - wenn ihr das wollt. Nur mit dem himmelweiten Unterschied, dass ihr ein einzelnes Schränkchen jetzt erst inmitten einer insgesamt durchschnittlichen, normalen, bewohn- und halbwegs vorzeigbaren Umgebung zur Perfektion bringt.
Erst - schrittweise/eckenweise/möbelstückweise ALLES entmüllen, dann ALLES entrümpeln, dann Dingen im ganzen Haus ihre festen Plätze zuweisen (Grundordnung schaffen), dann aufräumen, und wirklich erst dann putzen.
Schichtweise putzen kann man übrigens auch. Viele Betroffene hier kennen das Problem, dass sich stark verkrustete Bereiche (Dusche/Wanne, Spülbecken, Herd am häufigsten, aber auch Küchenschränke, Waschbecken etc) nicht ohne erheblichen Kraftaufwand entkrusten lassen. In solchen Fällen empfehle ich dringend, die Krusten und starken Verschmutzungen ebenfalls schichtweise zu beheben, und statt aufwändig zu scheuern und zu schrubben, auf lange Einwirkzeiten zu bauen, und die Reinigungsmittel den größten Teil der Arbeit machen zu lassen. Oft hilft schon die Wahl eines besser geeignete Putzmittels. Auch hierfür gibt es im Forum Hilfe und Infos. Ein Beispiel sei für das bessere Verständnis genannt: Man kann eine extrem verkalkte Dusche "wie neu" machen, indem man sich den ganzen Tag damit abstresst, oder man kann Wattebällchen oder Stoffstreifen in Essigessenz tränken, und diese dann an den Armaturen und in den am stärksten verkrusteten Stellen andrücken, nötigenfalls sogar mit Klebeband fixieren und über Nacht einwirken lassen - am nächsten Morgen löst sich das meiste von selbst. Wiederholt man das noch ein paar Mal, kommt die perfekte Sauberkeit praktisch von allein, man braucht nur warten und klar abspülen. Auf diese Weise spart man viel Zeit und vor allem Kraft, um andere Bereiche unter Kontrolle zu bekommen. Dergleichen Tipps haben wir noch reichlich in petto - einfach hier im Betroffenenforum den Problembereich und die hauptsächliche Art der Verschmutzung beschreiben
Hier haben viele furchtbare Angst, dass der schon hergerichtete Bereich wieder zumüllen und zurümpeln wird, bevor sie einmal rundherum gekommen sind. Deshalb die Überlegung, mit Dingen zu beginnen, die möglichst viel Lebensqualität zurückbringen. Wer nach drei Jahren wieder in seiner eigenen Dusche duschen kann, wird freiwillig so schnell nichts mehr in die Duschkabine stellen. Wer sich gerade mühsam sein Bett zurückerobert hat, legt so schnell nicht wieder Zeug darauf ab. Es ist okay, einstweilen nicht zu putzen. Putzt erst wieder, wenn alles entrümpelt ist. Dieselbe Kraft, die für das Putzen drauf geht, könntet ihr ins Entrümpeln stecken - und dadurch viel größere Erfolge feiern. Und was noch nicht erreicht wurde, das muss nicht erhalten werden. Wenn ihr noch nicht geputzt hattet, müsst ihr euch nicht sorgen, dass es wieder dreckig werden könnte. Es reicht im ersten Schritt, wenn es nicht wieder vermüllt, und im zweiten Schritt, dass es nicht wieder verrümpelt. Wie soll es vermüllen und verrümpeln, wenn ihr hauptsächlich damit beschäftigt seid, zu entmüllen und zu entrümpeln? Müll und Gerümpel kommen doch nur dann wieder zu euch, wenn ihr nichts macht.
Den Perfektionismus verlagern Anstatt den Gedanken zu hegen, die Aufgabe so zu erledigen, dass sie perfekt ausgeführt ist, kann man spielerisch den Perfektionismus verlagern. Die Methode spricht nicht jeden an. Hierbei geht es darum, sich kleine Arbeitsspiele auszudenken, die einen Wettkampf oder Wettlauf gegen sich selbst darstellen. Schaffe ich es bis 15 Uhr, das ganze Geschirr zu spülen? Schaffe ich es, die Spülmaschine auszuräumen, bevor die Mikrowelle piepst? Wieviele Handgriffe kann ich erledigen, bevor das Wasser kocht? Kann ich den Tisch abräumen, bevor die Werbepause vorbei ist? (Falls ihr RTL guckt, könnt ihr euch natürlich auch die Aufgabe stellen, ob ihr es in der Zeit schafft, schnell mal "Krieg und Frieden" zu lesen ) Man verlagert also den Perfektionismus weg vom Ergebnis, hin zur Ausführung. Wie geht es am schnellsten, am energiesparendsten, am einfachsten? Welche Aufgaben kann ich miteinander verbinden? Was kann ich hier und jetzt tun, ohne mich vom Fleck bewegen zu müssen? Was kann ich mitnehmen, was kann ich tun, um den Raum zu verbessern, bevor ich ihn verlasse? Was kann ich unterwegs greifen, und anderswo ablegen? Wie sollte ich einen Rundgang durch meine Wohnung gestalten, damit ich in einem einzigen Durchgang möglichst alle wichtigen Aufgaben miteinander verbinde, ohne einmal zurückgehen zu müssen?
Der Miesmacher: Eine Belohnung verdient man sich erst, wenn das Ergebnis perfekt ist Wenn du dich nicht von dem Gedanken befreien kannst, erst dann eine Belohnung verdient zu haben, wenn das Ergebnis perfekt ist, brauchst du sehr wahrscheinlich professionelle Hilfe. Weniger extreme Miesmacher können versuchen, zu lernen, sich allein für die Tatsache zu belohnen, dass sie eine Leistung erbracht haben. Sie können also beispielsweise Zeit- statt Ergebnisbelohnungen vereinbaren. "Wenn ich zehn Minuten gearbeitet habe, verdiene ich eine Belohnung, ganz egal, wie weit ich in diesen zehn Minuten gekommen bin!" Versuche, dir klarzumachen, dass du ein Recht darauf hast, dass du irgendeine Form von Bezahlung dafür bekommst, dass du deine Zeit und Kraft dafür aufgewendet hast. Wahrscheinlich hilft dir am ehesten das Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Gedankenmodell. Du verdienst irgendeine Form von Bezahlung, auch dann, wenn das Ergebnis nicht perfekt war. Bezahle dich "nach Stunden", nicht "nach Ergebnissen". Für einen Härtefall haben wir zwei Maßnahmen entwickeln können:
1. Jeder, egal wie tief er der Überzeugung anhängt, er verdiene keine Belohnung, kann nach jeder abgeschlossenen Tätigkeit für einige Sekunden das Fenster aufmachen und dort einige Male tief ein- und wieder ausatmen. Dann eben nicht als Belohnung, sondern als "Abschlussritual".
2. Wer sich ganz besonders gegen jegliche Form von Belohnung sträubt, die ihm zuteil werden könnte, solange er noch nicht fertig ist, der kann versuchen, stehende/gehende und sitzende Tätigkeiten abzuwechseln. Also sich gewissermaßen zur Belohnung hinsetzen und zum Beispiel eine leichte Sortiertätigkeit auszuüben, oder Wäsche zu falten. Ich persönlich kann mir bessere Belohnungen vorstellen als "es kostet mich weniger Energie als die anderen Dinge", denn eigentlich sollen Belohnungen dafür sorgen, dass man Energie zurückgewinnen kann - aber wenn am Anfang noch nichts anderes geht, ist das vielleicht auch für euch das Mittel der Wahl. Probiert es aus!
Zusammenfassung:
Perfektionismus muss nicht automatisch zwanghaft sein. In milder Ausprägung sind es nur Sorgfalt, Ordnungsliebe und ästhetisches Feingefühl, die uns antreiben.
Perfektionistischen Marotten begegnet man am besten mit Humor.
Akzeptiere, dass nicht jeder um dich herum Perfektionist ist, und verabschiede dich von dem Gedanken, nicht-perfektionistische Handlungen von anderen seien persönliche Angriffe gegen dich.
Trainiere, Imperfektion auszuhalten, und dich an ihre Gegenwart zu gewöhnen. Ein passendes Mantra kann dich dabei unterstützen.
Verwirf "punktuellen Perfektionismus" zugunsten von "schichtweisem Perfektionismus". Hilfreich dabei ist die Vorstellung eines Schiebereglers, dessen Anzeige aus dem Extrem heraus in Richtung Perfektion über die Normalität führt. Strebe zuerst in allen Bereichen deiner Wohnung Normalität an, bevor du in einzelnen Bereichen Perfektion anstrebst.
Verlagere den Perfektionismus spielerisch: Weg vom Ergebnis hin zur Ausführung.
Formuliere Handlungen zeitorientiert, statt ergebnisorientiert. Achte besonders gut auf die Einhaltung. Stelle dir einen Wecker oder Handyalarm, hänge in wichtigen Arbeitsbereichen Uhren auf.
Bezahle/Belohne dich schon nach vereinbart geleisteten Tätigkeitseinheiten, statt erst nach vollendetem Ergebnis.
Nutze gezielt Pausen, um Abstand von der Tätigkeit zu bekommen und zu reflektieren: Muss ich das wirklich noch weiter bearbeiten, oder ist das wieder mein Perfektionismus, der mich über das Ziel hinausschießen lässt? Und: Gehts mir noch gut, oder habe ich vor lauter Perfektionismusstreben ignoriert, dass ich Schmerzen habe, hungrig oder durstig bin?
Man muss ausprobieren. Vom nachdenken, lesen und schreiben alleine passiert nichts.
Hier ist ein hochinteressanter, brandaktueller Artikel zu dem Thema. Bedauerlicherweise ist er nur auf englisch verfügbar, und er ist viel zu lang, als dass ich ihn übersetzen würde. Er wertet diverse wissenschaftliche Studien und eine Meta-Studie zum Thema Perfektionismus aus, und macht die Erkenntnisse für Laien verständlich. In diesem Artikel wird die Abgrenzung zwischen gesundem Streben nach Exzellenz und maladaptivem, "toxischem" Perfektionismus sehr schön herausgearbeitet, und aufgezeigt, wie letzterer unserer Seele schadet. Der Artikel sagt klar, dass der ungesunde Perfektionismus gesamtgesellschaftlich auf dem Vormarsch ist ("epidemic health issue"), und dass Menschen mit selbstzerstörerischer perfektionistischer Denke eine Hochrisikogruppe für zahlreiche andere Leiden darstellen, die auch aufgelistet werden, und die mit unserer Rubrik "Andere mögliche Ursachen für deine Antriebslosigkeit" ziemlich deckungsgleich sind.
Das Zitat-Highlight:
"Perfectionism isn’t about high standards. It’s about unrealistic standards."
Beim Perfektionismus geht es also nicht bloß um das Verhalten, sondern darum, wie man über sich selbst denkt. Insbesondere, wenn man Fehler macht.