Dieses Erklärmodell stellt einen Zusammenhang zwischen optischem Verfall und Kriminalität her. Ein Stadtteil kann in der Verwahrlosung versinken, wenn nur ein Fenster in der Nachbarschaft eingeschlagen wurde und nicht wieder instandgesetzt wird. Die Schlussfolgerung daraus ist unter anderem eine Nulltoleranzpolitik gegenüber Müll, Unrat und sonstigen optischen Beeinträchtigungen. Die Theorie ist umstritten, und insbesondere der für die Forscher selbst relevantere Teil (Kriminalität) ist für uns vollkommen uninteressant.
Spannend ist für uns: Dreck kommt zu Dreck. Wo erste Anzeichen von Verwahrlosung aufkeimen, wird es sehr bald schlimmer. Die Untersuchung weist nach, dass wir es in unserer Umgebung zunehmend egal sein lassen, wenn schon Dreck herumliegt, oder etwas kaputtgegangen ist. Statt den Makel zu beheben, lassen wir zu, dass sich weitere Makel hinzugesellen, bis die Umgebung schließlich vollkommen im Chaos und Dreck versinkt. Braucht es eine Nulltoleranzpolitik gegenüber Dreck und Unrat auch im Privaten? Mal sehen.
Empirisch (auf Beobachtung basierend):
- Besonders saubere öffentliche Zonen, wie zum Beispiel eine Wandelhalle in einem Museum, bleiben für gewöhnlich komplett müllfrei. Niemand wirft leere Pommestüten oder Getränkedosen in solchen Zonen achtlos auf den Boden. - Umgekehrt haben wir kaum bis gar keine Hemmungen, auf einem Straßenfest unseren Müll fallenzulassen, wo wir gerade gehen und stehen, wenn wir bereits knöchelhoch durch den Abfall anderer Leute waten. - Rings um diverse Autobahn-Schnellrestaurants finden sich an Autobahnauffahrten häufig große Fastfood-Verpackungs-Müllhalden. Hier werfen sogar Leute, die das anderenorts nie tun würden, hemmungslos ihren Müll aus den Autofenstern in den Straßengraben. Macht ja nichts, liegt ja sowieso schon so viel herum, da kommt es auf diese eine Tüte nicht mehr an, und man hat keine Mühe mehr mit der Entsorgung. - Wir regen uns auf, wenn auf dem frisch geputzten Boden ein Fleck entsteht. Schon am nächsten Tag interessieren uns auch weit größere Flecken immer weniger. Bei stark verdreckten Böden machen wir uns schließlich nicht einmal mehr die Mühe, Verschüttetes aufzuwischen.
Es scheint also kaum eine Charakterfrage zu sein, wie wir uns in der jeweiligen Situation verhalten, sondern es hängt vielmehr davon ab, wie die Umgebung aussieht, in der wir die Entscheidung treffen: Aufheben oder liegenlassen? Einfach fallen lassen oder korrekt entsorgen? Beseitigen oder ignorieren?
Quellen Mülleimer über, und werden Tüten daneben abgestellt, folgen bald weitere Tüten. Witterung, Tiere und evtl Müllsammler zerfleddern diese, der Müll verteilt sich aus den Tüten in die Umgebung. Schon bald wird loser Müll dazu geworfen. Der Müll sammelt sich aber trotzdem noch eng auf die Zone um den Mülleimer begrenzt. Viele schimpfen dann schon, welche Schweine sowas machen. Dabei haben sich die Leute doch offensichtlich bemüht, das zu tun, was einer korrekten Entsorgung am nächsten kommt. Aber wenn der Mülleimer voll ist, ist er voll. Man kann jedoch davon ausgehen: Wäre der Mülleimer leer gewesen, hätten all diese Menschen ihren Müll korrekt entsorgt. Sind sie nun "Dreckschweine", die "achtlos" alles liegen lassen, wo sie gehen und stehen? Wohl kaum. Auffällig ist, dass auf vielen Festen, auf denen reichlich Mülleimer vorhanden sind, die häufig geleert werden, der wild abgeladene Müllberg wesentlich geringer bleibt, als auf Straßenfesten, auf denen nirgendwo zusätzliche Mülleimer aufgestellt werden, wie etwa Karnevalsumzüge.
Was heißt das jetzt für uns? Wenn ein zerbrochenes Fenster der Startschuss für die Verwahrlosung eines ganzen Stadtviertels sein kann, dann leisten sicher auch kleine, kaputte Dinge wie klemmende Schubladen, durchgebrannte Glühbirnen und wackelnde Tischbeine ihren Beitrag zur Verwahrlosung einer Wohnung. Weil man es sich egal und immer egaler sein lässt, wenn die Sachen um einen herum sowieso nicht mehr einwandfrei sind. Was hingegen instandgehalten und gut gepflegt wird, das hält man nicht nur selbst müllfrei, sondern auch andere tun das. Eine herausragend ordentliche, saubere, müllfreie Umgebung bleibt überdurchschnittlich lange frei von Chaos, weil sich jeder, der sich in dieser Umgebung aufhält, besonders große Mühe gibt, diese ordentlich, sauber und müllfrei zu halten. Wohingegen es uns egal und immer egaler wird, wenn schon Dreck und Chaos vorhanden ist. Dann kommt es auf eine Sache mehr oder weniger auch nicht mehr an. Wenn wiri also durchschnittlich ordentlich sind, müssen wir durchschnittlich viel Energie aufwenden, aufzuräumen und zu putzen. Sagen wir: täglich eine Stunde. Wenn es überdurchschnittlich unordentlich ist, müssen wir überdurchschnittlich viel Energie aufwenden, sagen wir: täglich zwei Stunden. Wenn es außergewöhnlich ordentlich und sauber ist, müssen wir überproportional weniger Energie für Erhaltungsarbeiten aufwenden, sagen wir: alle zwei Tage eine halbe Stunde - weil wir selbst und alle Menschen, die mit uns diese Umgebung teilen, besonders intensiv bemüht sind, diesen Zustand nicht zu zerstören/zu verschandeln.
Eine Chaosbude kann man putzen, putzen, putzen, und am nächsten Tag sieht es wieder aus wie Sau. Eine durchschnittliche Wohnung kann man mit geringer Anstrengung ordentlich, sauber und gemütlich erhalten. Je mehr System, desto weniger Anstrengung. Eine außergewöhnlich saubere und gepflegte Umgebung kann mit geringster Anstrengung sauber und ordentlich gehalten werden. In einem Museumssaal muss man nie aufräumen, nie auch nur ein Stück Müll aufheben; man muss nur den Boden wischen und fertig. Fünfhundert Quadratmeter in einer Stunde. Sobald irgendwas rumsteht, dauert es sofort länger. Und sobald ein wenig mehr rumsteht, neigen die Leute dazu, noch mehr dazu zu stellen, und wenn es dann dreckig wird, neigen sie dazu, noch mehr Dreck dazu zu werfen. Sobald der erste Müll herumliegt, neigen sie dazu, ihren Müll dazu zu werfen bzw einfach fallen zu lassen und nicht mehr aufzuheben, wenn sie gehen.
Besonders dramatisch nimmt die Verwahrlosung ihren Lauf, sobald Mülleimer überquellen. Der erste Schritt ist Stopfen. Der zweite Schritt ist, Tüten daneben zu stellen. Der dritte Schritt ist, losen Müll dazu zu werfen. Der vierte Schritt ist, den Müll gar nicht mehr in Richtung des Mülleimers zu bewegen. Sieht man so in der Stadt, und genauso läuft es zuhause, wenn der Mülleimer nicht geleert wird.
Mit einem Unterschied: In der Stadt sind andere für die Entsorgung zuständig. Zuhause hat man es selbst in der Hand.
Man kann der Verwahrlosung energieeffizient entgegen steuern, indem man überall, wo regelmäßig Müll anfällt, passende Mülleimer aufstellt, und eine Gewohnheit etabliert, die dafür sorgt, dass der Müll regelmäßig entfernt wird, bevor der Mülleimer überzuquellen beginnt. Die Mülleimer sollten an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden. Wenn man regelmäßig am Wohnzimmertisch Obst isst, gehört dort ein Bioabfalleimer hin, oder ein Tischmülleimer. Wenn man regelmäßig am PC in Plastik verpackte Lebensmittel isst, gehört dort ein gelber Sack hin und so weiter. Dort, wo mit Papier und Pappe hantiert wird, gehören entsprechende Sammelbehälter hin. Egal ob auf dem Klo, am Bett, im Eingangsbereich oder auf dem Balkon. Man muss es sich und den anderen so einfach wie möglich machen, den Müll wegzuwerfen, damit jeder es tatsächlich tut. Je sauberer und müllfreier die Umgebung ist, desto auffälliger erkennt man das Fehlverhalten des Einzelnen, und desto größer ist somit dessen Hemmschwelle, sich als einziger daneben zu benehmen und Müll liegen zu lassen oder Unordnung zu schaffen und anschließend nicht wieder zu beseitigen.
Für Menschen, die in Lebensgemeinschaften mit anderen zusammenleben, sollte sich daraus folgendes Fazit ergeben: Müll rausbringen ist eine verantwortungsvollere Aufgabe als gedacht - und jeder in der Familie sollte lernen, sich dafür verantwortlich zu fühlen. Bevor man aber anderen hinterher läuft, oder sich selbst weigert, den Müll rauszutragen, weil eigentlich andere das tun sollten, sollte man ihn lieber selbst heraustragen, denn das ist immer noch leichter, als von überall Müll einsammeln zu müssen, den keiner mehr wegwirft, weil es zu energieaufwändig wäre. Lebt man alleine, und erwischt sich immer wieder dabei, Müll liegenzulassen, sollte man sich genau dort passende Behälter aufstellen, und Routinen entwickeln, die dafür sorgen, dass der Müll ohne großen energetischen Aufwand in der Hausmülltonne landet, denn je geringer der energetische Aufwand, desto häufiger wird es gemacht, und Müllentfernung ist eine Aufgabe, die so häufig wie irgend möglich gemacht werden sollte, da sie der erste Schritt zur Verwahrlosung sein kann. Nulltoleranz wie in der Broken-Windows-Theorie ist vielleicht zu viel des Guten. Aber sich eine Routine anzugewöhnen, alle Räume wenigstens einmal täglich von allem Verpackungsmüll, Speisemüll und Leergut zu befreien, ist auf jeden Fall sehr empfehlenswert.
Fazit: 1. Der Ursprungsort privater Vermüllung und Verwahrlosung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der (übergequollene) Mülleimer. 2. Je leerer und sauberer eine Fläche, desto größer ist bei nahezu jedem Menschen die Hemmung, diese zu verunreinigen oder Krempel dort stehen- und liegen zu lassen.
Man muss ausprobieren. Vom nachdenken, lesen und schreiben alleine passiert nichts.