"Shine your sink" ist eine Methode, in Deutschland auch bekannt als "die magische Küchenspüle".
Sie ist sehr einfach zu lernen und anzuwenden, ein ganz klarer Pluspunkt für diese Methode. Man putzt als erstes und dann täglich als letztes seine Küchenspüle - man bringt sie zum Leuchten, wenn man es wörtlich übersetzt.
Was steckt dahinter?
Diese simple Anweisung klärt zuerst die Frage "Womit soll ich anfangen?". Die Aufgabe birgt ein einigermaßen schnelles erstes Erfolgserlebnis. In der Aufgabe ist eine Belohnung enthalten, nämlich der Anblick der Spüle. Durch das Betrachten des Ergebnisses fühlen sich die Anwender belohnt. Der Belohnungseffekt tritt noch einmal ein, wenn man morgens die Küche betritt, und die Spüle immer noch sauber ist. Es wird eine bewältigbare Aufgabe vollständig zum Abschluss gebracht. Dadurch enden deren negative Verstärker; es fühlt sich erleichternd/befreiend/erlösend an. Es ist eine Ritualhandlung, die zur Gewohnheit wird, und den Feierabend einläutet.
Knackpunkte:
Am zweiten Tag ist die Spüle morgens bereits sauber, da man sie am Abend zuvor als letztes erledigt hat. Womit fängt man dann an? Extreme Perfektionisten können sich in dieser Aufgabe verlieren. Besonders stark angegammelte Spülen sind kein schnelles erstes Ergebnis, sondern unter Umständen eine Tagesaufgabe. Ist die Spüle blockiert, müssen Vorbedingungen erfüllt werden, die nicht gesondert verhandelt oder belohnt werden. Angesichts eines riesigen Müllberges erscheint eine blitzsaubere Spüle vollkommen irrational. Der Anblick der sauberen Spüle allein reicht als Motivation möglicherweise nicht aus, um eine andere Handlung aufzunehmen. Man hält möglicherweise daran fest, die Spüle unter Kontrolle zu behalten, ohne die Kontrolle weiter auszudehnen. Es wird ein Feierabend gemacht, was gut ist, aber der Feierabend wird mehr oder weniger spontan und diffus "am Ende des Arbeitstages" platziert. Das könnte auch nachts um drei sein.
Für milde Fälle, die nur einen Schubs in die richtige Richtung brauchen, ist die Methode prima geeignet. Sie enthält im Kern alle wesentlichen Elemente, die zur Motivation benötigt werden, ohne dabei detailreich zu erklären und zu begründen, welche das sind, und wie sie wirken. Die Methode ist nicht gut geeignet, um sie individuell anzupassen, was ein Vor- und ein Nachteil sein kann. Vorteil: geringe "Denkfehler-Anfälligkeit", Nachteil: Wenn es nicht funktioniert, weiß niemand, warum nicht.
In extremen Fällen kann die Methode problematisch sein, wenn zwanghafter Perfektionismus ausgelöst wird, denn dadurch entsteht die Gefahr der Selbstausbeutung.
ZitatIch habe übrigens heute früh einen großen Nachteil der glänzenden Spüle entdeckt, naja im Grunde sogar zwei. Ich kann es jetzt kaum noch ertragen wenn da Wasserspritzer oder gar Geklecker drauf ist. Ich renn immer sofort mit dem Lappen hin und poliere nach Bild Und dann war der Freude- effekt heute morgen gar nicht mehr so groß wie die letzten Wochen. Denn ob des tollen ordentlichen Anblicks meiner Küche durch Routine bin ich nun jeden Morgen sehr freudig in und durch meine Küche gewartet. Kochen und Co hat wieder Spaß gemacht. Aber durch die glänzend polierte Spüle sieht man jetzt die ganzen Defizite viel deutlicher: Fleckige Schranktüren, fleckige Fließen, kaputte Arbeitsplatte, angesenkter Boden Bild Ich glaube das ist jetzt der Punkt an dem ich aufpassen muß nicht wieder die Motivation zu verlieren aber mich auch nicht im Putzperfektionismus zu verlieren. (NannyOgg)
Die Methode lässt sich missinterpretieren: Wenn man erst Feierabend machen "darf", wenn die Spüle sauber ist, kann man unter Umständen die halbe Nacht damit verplempern. Eine Hausfrau, die nur mehr Struktur in ihrem Alltagshaushalt braucht, hat dieses Problem eher nicht, und kann daher sicher gute Erfolge mit "Shine your sink" erzielen.
Prinzipiell vertrete ich die Meinung, dass man in einer Phase, in der viele Gegenstände im Weg liegen, sich Wäsche- und Geschirrberge auftürmen etc, seine Putzaktivitäten auf das absolute Minimum reduzieren sollte. Das heißt während der laufenden Wohnungsrestrukturierung nur das zu reinigen, was man vorher schon regelmäßig gereinigt hat. Das Putzen der wiederhergestellten Zonen sollte nicht zum täglichen Bestandteil der Haushaltsführung werden, solange die Entmüllung und Entrümpelung nicht überall abgeschlossen ist. Diese Zonen sind teilweise Jahre lang mit Missachtung gestraft worden; sie jetzt täglich oder wöchentlich zu pflegen, solange es im Haus noch zu viele andere Baustellen gibt, ist zu kraftraubend, und verhindert zügigere Fortschritte. Wenn man versucht, zum Beispiel ein Küchenregal zu säubern, während in der restlichen Küche noch Verpackungs- und Lebensmittelmüll, sowie erheblich mehr Zeug herumliegt, als in die Schränke und Regale passen würde, ist das mMn ein Ausdruck von nachvollziehbaren, aber ungesunden Perfektionismusgedanken. Man hätte jetzt gerne wenigstens dieses eine Teil perfekt, und will dann natürlich, dass es so bleibt. Nur könnte man mit dem Zeit- und Energieaufwand, den man darauf aufwendet, das Regal zu reinigen, wesentlich Sinnvolleres anstellen, nämlich den Verpackungs- oder Lebensmittelmüll beseitigen. Dafür bleibt aber nach dem Putzen häufig keine Kraft mehr übrig, und das ist der Punkt, an dem es irrational wird. Liegt es nicht an fehlender Kraft und Zeit, und hat man seinen Perfektionismus im Griff, kann man das so machen, aber wenn man sich entscheiden muss: "Putze ich heute was, oder entmülle/entrümple ich heute was?", sollte man immer Letzterem den Vorzug geben, bis es nichts mehr zu entmüllen und entrümpeln gibt. Von daher stößt mir persönlich eine Methode, die mit einer Putzaufgabe beginnt, ziemlich sauer auf - aber das ist natürlich Ansichtssache.
Fazit:
"Shine your sink" ist für milde Formen von Antriebslosigkeit sehr gut geeignet, kann auch für Härtefälle funktionieren, birgt aber besonders für Letztere in Einzelfällen Risiken, denen nur mit genügend Aufklärung entgegengewirkt werden kann. Für Betroffene mit körperlichen Einschränkungen, echtem Kraft- und/oder Zeitmangel ist die Methode eher ungeeignet.
Man muss ausprobieren. Vom nachdenken, lesen und schreiben alleine passiert nichts.